Schlagwort Nr.: 13
Titel: Aufbauschule
Kommentar: Die Schaffung der Aufbauschule war Teil der sogenannten Boelitz-Richert'schen Reform des höheren Schulwesens in Preußen in der Weimarer Republik unter dem demokratischen Kultusminister Otto Boelitz (DVP) und seinem Mitarbeiter Hans Richert (DVP). Die Aufbauschule wurde im Frühjahr 1922 zusammen mit der Deutschen Oberschule in Preußen eingeführt und im Dezember aufgrund einer Ländervereinbarung im ganzen Reich außer in Bayern anerkannt. Sie sollte neben den bestehenden humanistischen und neusprachlichen Gymnasien und Oberrealschulen insbesondere Schülern aus ländlichen Gebieten einen weiteren Weg zur Reifeprüfung öffnen. 1924 wurden alle höheren Schulformen noch einmal geschlossen reformiert.
Es gab zwei Typen der Aufbauschule, die auf Grundlage der Lehrpläne für die deutsche Oberschule bzw. die Oberrealschule arbeiteten. Die Aufbauschule sollte zum einen begabte Volksschüler nach dem 7. Schuljahr aufnehmen, zum anderen aber auch Schüler, die den anderen Schulformen des mittleren und des höheren Schulwesens nicht gewachsen waren. Nach jeweils sechs Schuljahren sollten die Schüler die Reifeprüfung ablegen. Für den Religionsunterricht waren bei beiden Typen zwei Schulstunden pro Woche vorgesehen. Dieser sollte aber heimatkundlich-national und religionsgeschichtlich ausgerichtet sein. Des Weiteren schlug der Lehrplan die Lektüre philosophischer Texte vor. 1925 kamen 80 Prozent der Schüler von der Volksschule, 15 Prozent von der Mittelschule und 5 Prozent von höheren Schulen.
Auch die Sozialdemokraten waren an der Einführung der Aufbauschule interessiert, da sie sich von ihr versprachen, Arbeiterkindern den Zugang zu höherer Bildung zu erleichtern, Einheitsschulgedanken im Schulwesen durchzusetzen und durch die kürzere Schulzeit die Kosten zu senken. Die SPD trat gleichzeitig Bestrebungen der DVP entgegen, die mit der Aufbauschule nationalistische Bildungsziele verfolgte. Die Zentrumspartei und der Episkopat erhoben gegen die Einführung der Aufbauschule und ihre Lehrpläne erfolglos Protest.
Quelle:

Denkschrift über die Aufbauschule von Otto Boelitz vom 18. Februar 1922, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichts-Verwaltung in Preußen. Sonderbeilage 6 (1922), S. 4-7, in: http://goobiweb.bbf.dipf.de (Letzter Zugriff am: 29.07.2013) .

Richtlinien für einen Lehrplan der Deutschen Oberschule und der Aufbauschule vom 13. März 1924, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen 1924, Nr. 138, S. 103 f., in: http://goobiweb.bbf.dipf.de (Letzter Zugriff am: 29.07.2013) .

Stundenplantafeln für die grundständige (neunjährige) deutsche Oberschule und für die Aufbauschule vom 15. März 1922, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen 1922, Nr. 142, S. 123 f., in: http://goobiweb.bbf.dipf.de (Letzter Zugriff am: 29.07.2013) .

Vereinbarung der Länder über die Aufbauschule vom 19. Dezember 1922, in: Reichsministerialblatt. Zentralblatt für das Deutsche Reich 1923, S. 15.

Vorläufige Lehrpläne für die Sexta der grundständigen Deutschen Oberschule, für die Untertertia derselben Schule in Aufbauform und für die Untertertia der Aufbauschule vom 15. April 1922, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen 1922, Nr. 206, S. 185-191, in: http://goobiweb.bbf.dipf.de (Letzter Zugriff am: 29.07.2013) .

Literatur:

BETTERMANN, Karl August / GOESSL, Manfred, Schulgliederung, Lehrerbildung und Lehrerbesoldung in der bundesstaatlichen Ordnung. Zugleich ein Beitrag zur Rahmenkompetenz des Bundes und zu Konflikten zwischen Bundes- und Landeskompetenzen (Studien und Gutachten aus dem Institut für Staatslehre, Staats- und Verwaltungsrecht der Freien Universität Berlin 1), Berlin 1963, S. 33.

DIETERICH, Veit-Jakobus, Religionslehrplan in Deutschland (1870-2000). Gegenstand und Konstruktion des evangelischen Religionsunterrichts im religionspädagogischen Diskurs und in den amtlichen Vorgaben (Arbeiten zur Religionspädagogik 29), Tübingen 2007, S. 280 f.

GENTSCH, Dirk H., Zur Geschichte der sozialdemokratischen Schulpolitik in der Zeit der Weimarer Republik. Eine historisch-pädagogische Analyse zur Schulpolitik der SPD in Deutschland in den Jahren von 1919 bis 1933. Eine Studie (Europäische Hochschulschriften XI 569), Frankfurt am Main 1994, S. 125.

HÖMIG, Herbert, Das preußische Zentrum in der Weimarer Republik (Veröffentlichung der Kommission für Zeitgeschichte B 28), Mainz 1979, S. 120.

Online seit: 31. Juli 2013
Empfohlene Zitierweise:
Aufbauschule, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Schlagwort Nr. 13, URL: <www.pacelli-edition.de/Schlagwort/13> (Datum 22. November 2017)
Letzte Änderung: 01. Oktober 2013
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